Neues

Im Interview: Gerald Swarat zu Digitalisierung im ländlichen Raum

Einer der Megatrends (Link) und damit großer Treiber für Veränderung ist die Digitalisierung. In meinem heutigen Interview möchte ich mich damit ein bisschen näher und mit einem besonderen Fokus beschäftigen. Gerald Swarat ist Experte für die Digitalisierung im ländlichen Raum. Er wird uns heute ein paar Einblicke in diesen ganz speziellen Herausforderungsbereich geben.

Hallo Gerald, schön, dass Du Dir ein bisschen Zeit genommen hast. Erzähl doch mal, wie bist Du überhaupt dazu gekommen, Dich mit so einem speziellen Thema auseinanderzusetzen.

Wir haben vor ein paar Jahren in Gesprächen mit einigen ExpertInnen festgestellt, dass sich aufgrund der Marketing-Macht großer IT-Konzerne der Begriff der smarten Mega-City in Deutschland festsetzen konnte, aber kurioserweise für den Großteil der deutschen Bevölkerung, nämlich diejenigen in Städten mit weniger als 100T Einwohner und den Dörfern, keine Strategien oder Zukunftskonzepte entwickelt waren oder werden sollten. Wir haben also angefangen, an digitalen Strategien für die ländlichen Räume zu arbeiten, um einerseits Lösungen vor Ort zu zeigen, aber auch das Thema auf die politische Agenda in Berlin zu setzen.

Herausforderungen der Digitalisierung im ländlichen Raum

Wo siehst Du die größten Herausforderungen in den nächsten fünf bis zehn Jahren für die ländlichen Regionen?

Wir haben einerseits die Mega-Trends wie die Globalisierung, die demografische Veränderungen, die die Träger kommunaler Infrastrukturen vor gewaltige Herausforderungen stellen und die Landflucht. Auf der anderen Seite regional-spezifische Herausforderungen wie z.B. Fachkräftemangel, Innovations- und Wettbewerbgsfähigkeit, Investition in die Daseinsvorsorge und soziale Spaltung. In Verbindung führen diese Effekte dazu, dass z.B.  die Grundversorgung an Leistungen, wie Nahverkehrsangebote, Einkaufsmöglichkeiten, Postdienste, Kinderbetreuung und medizinische Versorgung zunehmend gefährdet sind.

Wo siehst Du die städtische Entwicklung im Vergleich? Und welche Bereiche sind hier in erster Linie anzupacken?

Es gibt einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Großstädten und ländlichen Regionen. Großstädte ziehen immer mehr Bewohner an (u.a. durch Migration und Landflucht) und so nehmen die Probleme immer mehr zu: Fehlende Wohnungen, dichterer Verkehr, zunehmende Umwelt- und Luftbelastungen oder gravierende soziale Spannungen. Die Großstädte sind damit zu nehmend überfordert. Diese Überforderung kann nur gestoppt werden, wenn vor allem die Landflucht beendet wird. Allein deshalb ist es erforderlich, das Leben in den ländlichen Regionen wieder attraktiver zu machen. Digitalisierung leistet einen wesentlichen Beitrag dazu.

Sowohl Smart City- als auch Smart Country-Ansätze beruhen auf dem gleichen Fundament. Beiden liegt  zugrunde , dass sie sich das Struktur- und Gestaltungsprinzip der Digitalisierung zu Nutze machen. Auch wenn die Lösungen und Geschäftsmodelle andere sein müssen, sind die Ziele doch ähnlich: die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe und des sozialen Zusammenhalts, Ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit, Stärkung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit und Effizienz- und Effektivitätssteigerung.

Außerdem müssen Städte und Dörferbürgernah, kundenfreundlich und transparent sein, ohne dabei an Effektivität in ihrer Aufgabenerfüllung zu verlieren. Zudem müssen sie sinnhafte Antworten auf Fragen zur ökonomischen und ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz, Partizipation, Ermächtigung der Zivilgesellschaft finden- was in Städten weitaus schwieriger ist!

Lösungsansätze für den ländlichen Raum

Was könnten mögliche Lösungsansätze (für die unterschiedlichen Entwicklungsstände/ ländlichen Regionen) sein? Wo liegen die Probleme bei der Umsetzung?

Ja, es ist richtig, die ländlichen Räume sind kein homogener Raumtyp, von diesem Stereotyp gilt es, sich zu verabschieden. Sie stellen vielmehr ein differenziertes Muster unterschiedlich entwickelter Räume dar, die jeweils eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Funktionen wahrnehmen. Aus diesem Grunde plädieren auch wir für raumspezifische digitale Strategien, die an den konkreten Herausforderungen und Potenzialen der einzelnen Kommunen und Regionen ansetzen. Deshalb brauchen wir gute Beispiele auf Augenhöhe kommuniziert und Mut bei den Verantwortlichen, eine Digitalisierungsstrategie selbstbestimmt zu entwickeln und umzusetzen. In dem Buch stellen wir auch gute Beispiele dar, die auf Trends in den Bereichen Pflege, Gesundheit, Bildung, Wertschöpfung etc. reagieren.

Du hast auch gerade gemeinsam mit einem Kollegen ein Buch veröffentlicht . Wem würdest Du die Lektüre empfehlen?

Das Buch richtet sich an Entscheider und Organisationsverantwortliche in Bund, Ländern und Kommunen, wenngleich der explizite Fokus auf die Städte und Gemeinden gelegt wird. Gleichermaßen will das Buch  als Ressource und Handlungsleitfaden für IT-Verantwortliche in den Behörden und Gebietskörperschaften dienen, aber auch als Rüstzeug für Fachpolitiker auf Bundes ,- Landes- und Kommunalebene.

Da sich das Thema der digitalen Transformation von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft aber völlig zu Recht einer breiteren gesellschaftlichen Debatte ausgesetzt sieht, wurde um den analytischen Mittelteil, der sich an Entscheider und Umsetzer digitaler Strategien richtet, denen wir die Notwendigkeit und Bedeutsamkeit des Themas nicht mehr erzählen müssen, ein lesbarere essayistische Klammer gebaut, die Bestandsaufnahme und Umsetzungsstrategien/Handlungsempfehlungen auch für den interessierten, aber nicht professionellen Leser genügsam machen soll. Somit ist das Buch auch für Lehrende und Studierende und die interessierte Fachöffentlichkeit geeignet.

Fazit

Abschließend und zusammengefasst in drei Sätzen Dein Statement zum Thema:

Wir brauchen mehr Blick über den Tellerrand, mehr Zusammenarbeit, mehr Kommunkation. Wir brauchen auch ein neues Verständnis über die Rolle der Verwaltung in der digitalen Zeit und über die Einbindung der Zivilgesellschaft und Wirtschaft in bislang geschlossene Prozesse und einfach mehr Mut zur Veränderung. Denn das Eigene, die Werte, Visionen und Kultur von Gemeinschaften lassen sich besser bewahren, wenn man sich auch verändert und diese in der neuen Welt als Leitplanken verankert.  Wir brauchen also einen langen Atem und stete Tropfen.

Vielen Dank für Deine Bereitschaft und die genommene Zeit!

Weitere Interviews: