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Im Interview: Ann-Kathleen Berg zu „Positive Psychologie“

Nach der Sommerpause starten wir mit einem tollen Thema in die kürzere zweite Hälfte des Jahres. Viele Spaß mit Ann-Kathleen Berg und einem Einblick in die Positive Psychologie!

Hallo liebe Ann-Kathleen! Wir kennen uns ja schon lange und deshalb freu ich mich ganz besonders, dass wir uns heute hier über Positive Psychologie unterhalten können. Du warst gerade in Australien und hast den dortingen Masterstudiengang Angewandte Positive Psychologie an der University of Melbourne belegt. Sie ist (neben wenigen anderen Universitäten) weltweit führend in der Beschäftigung mit dem Thema. Du hast mir so viel Spannendes berichtet, dass ich mir sicher bin, dass es auch für meine Leser interessant sein könnte, mehr dazu zu erfahren.Foto Ann-Kathleen Berg

Ann-Kathleen, am Puls der Positiven Psychologie

Magst Du Dich vielleicht als erstes kurz vorstellen?

Sehr gerne, liebe Friederike. Ich freue mich, dass wir uns heute über die Positive Psychologie austauschen. Wie ich zu dieser in Deutschland neuartigen Disziplin der Psychologie gekommen bin, hängt tatsächlich eng mit meinem persönlichen und beruflichen Lebensweg zusammen.

Meine wesentlichen Stationen während meiner Ausbildung und meinem Studium waren in Berlin, Darmstadt, München und Melbourne. Dort habe ich u.a. (Wirtschafts-)psychologie (B.Sc./M.Sc.) studiert mit Schwerpunkt auf Umweltpsychologie und Organisations-, und Personalpsychologie. Wesentlich bedeutender waren aber meine Tätigkeiten parallel zum Studium. Ich habe bei Unternehmen aus der Pharma- und Automobileindustrie gearbeitet, eine Ausbildung zum Design-Thinking-Coach gemacht und als Trainerin, Kommunikations- und Teambuilding Trainings für-Kommilitonen und Jugendliche in Finnland gegeben.

Aktuell arbeite ich an einem Konzept für eine gemeinützige Organisation in München, die sich für benachteiligte Jugendliche einsetzt und sie neben ihrem Schulalltag begleitet. Durch psychologisch fundierte Workshop-Inhalte wollen wir den Jugendlichen helfen, ihr Potenzial zu entfalten und ihre Stärken zu erkennen. Mein Ziel ist es, die Positive Psychologie in diese Workshops zu bringen.

Das klingt wirklich sehr vielseitig und spannend. Wie bist Du da denn zur Positiven Psychologie gekommen?

Als Wirtschaftspsychologin hatte ich während meines Studiums ohnehin wenig Berührungspunkte mit der klinischen Psychologie, die sich vorranging mit psychologischen Krankheits-und Störungsbildern befasst. Es ging also bereits dort, vor allem im Schwerpunkt Organisations- und Personalpsychologie, um Menschen und um deren Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten.

Meine erste Inspiration, was Positive Psychologie bedeuten kann, hatte ich durch ein Forschungsprojekt meiner Professorin. Ziel war es, durch eine Intervention in Übergangsklassen einer Münchener Mittelschule das Zugehörigkeitsgefühl von geflüchteten Jugendlichen zu stärken. Diese Idee beruht auf der Belongingness-Hypothese nach Baumeister. Sie besagt, dass Zugehörigkeit,  ein inhärentes Verlangen darstellt und deshalb überlebenswichtig und essentiel für ein gutes Leben ist. Später fand ich dann heraus, dass diese Hypothese auch im Forschungsfeld der Positiven Psychologie angewandt wird. Die University of Michigan und Prof Jane Dutton forscht bspw. zu zwischenmenschlichen Beziehungen (Stichwort- High Qualitiy Connections) und welche positive Bedeutung diese für das Arbeitsleben haben.

Zudem fiel mir in meiner Arbeit mit den Jugendlichen auf, dass uns  ganz konkrete psychologische-fundierte Konzepte fehlten, um durch die Inhalte der Workshops eine wirkliche Besserung und Entwicklung zu bewirken. Wir wollten zwar einen Mehrwert für die Jugendlichen schaffen, uns fehlten aber die richtigen Konzepte für die Praxis. Durch die Einblicke in die Positive Psychologie, die sich viel auf positive Interventionen – in den Alltag integrierbare Übungen – stützt, gelingt uns dies nun aber.

Positive Psychologie – Was ist das überhaupt?

Was ist Positive Psychologie genau?

Die Positive Psychologie ist die psychologische Wissenschaft  vom „guten Leben“. Ihre Forschung und Empirie bezieht sich darauf, wie Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit von Menschen gesteigert werden und wie positive Zustände erzielt werden können. Welche Stärken bringt ein Mensch mit und wie kann man diese weiter stärken? Wie lernt der Mensch, sich in schwierigen Situation auf seine Stärken, auf positive Aspekte zu besinnen? Was führt dazu, dass ein Mensch gesund ist und vor allem auch bleibt? Dieser Ansatz wurde 1998 vom dem Psychologie-Professor Martin Seligman und anderen Mitstreitern eingeführt. Dieser humanistische, ressourcenorientierte Ansatz intitiierte einen Wendepunkt, da sich psychologische Forschung  bisher überwiegend mit negativen Phänomenen beschäftigt hat und dysfunktionalen Verhaltensweisen gewidmet hat. Die Positive Psychologie ist also letztendlich auch ein Ansatz zur Prävention in Zeiten von Burn-out und Depressionserkrakungen, indem sie vorher bereits mit Wissen und Handlungskompetenzen austattet, um positive Zustände zu erreichen.

Auf welchen Gebieten kann dieses Wissen praktisch eingesetzt werden?

Die Positive Psychologie kann praktisch überall genutzt werden. Forschungs- und Praxisbeispiele gibt es mittlerweile im Kontext von Organsationen, sozialen Eichrichtungen, im persönlichen Bereich,  Bildungssystem, Gesundheitssystem und  nicht zuletzt auf politischer Ebene.

Was könnte das zum Beispiel konkret für Unternehmen bedeuten?

In Unternehmenskontext fragt die Positive Psychologie danach, wie kann man die Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Wohlbefinden von Menschen am Arbeitsplatz fördern. Ganz konkret befasst sich seit den 2000ern der Bereich Positive Organizational Scholarship (POS) damit, was u.a. eine gute Führungskultur und Unternehmenskultur ausmachen und welche Rahmenbedingungen und Eigenschaften förderlich sind, um die Arbeit der Organisation als sinnstiftend und erfüllend zu erleben. In Bezug auf Change Management sind Themenbereiche wie der Ausbau von Resilienz in einer Organisation interessant oder wie durch positive Beziehungsarbeit Vertrauensbildung zwischen Mitarbeitern und Führung schnellstmöglich erzeugt werden kann. Ein wichtiger Bereich der Positiven Psychologie baut dabei auf den Einsatz von Positiven Interventionen auf. Dies sind kleine, alltagintegrierbare Übungen, die nachweislich einen Effekt auf bestimmte Verhaltens-oder Denkweisen erzielen können.

Anknüpfungspunkte

Das klingt wirklich alles sehr interessant und nach neuen Ansätzen. Kannst Du uns ein Buch empfehlen, das den Einstieg ins Thema erleichtert?

Ja, natürlich. Für eine erste Einführung in das Forschungsfeld der Positiven Psychologie empfiehlt sich Ilona Boniwell`s (2012) Positive Psychology in a Nutshell – The Science of Happiness.

Als weitere Lektüre, die Möglichkeiten der konkreten Anwedung  der Positiven Psychologie am Arbeitsplatz aufzeigt, ist Peggy Kern & Michelle McQuaid`s (2017) Your Wellbeing Blueprint – Feeling Good and Doing Well at Work zu empfehlen.

Oder auch Facebook COO Sheryl Sandberg & Resilienz-Forscher Adam Grant`s (2017) Option B https://optionb.org/book. Dieses Buch erzählt von einem Schicksalsschlag der Autorin, und wie sie durch die Positive Psychologie, ihre Resilienz in ihrem Berufs- und Privatleben nutzen und ausbauen konnte, um wieder Fuß zu fassen.

Danke, liebe Ann-Kathleen, für Deine Zeit und die Einblicke. Alles Gute für Dich!

Aus der Interviewreihe:

Ilja Grzeskowitz im Interview – Mr. Change

Barbara Messer im Interview – Merk-würdiges Training